Dear July // 15

Weggehen
Creative Commons Lizenzvertrag Foto von Atilla1000 Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

Dear July,

jetzt bist du schon fast zu Ende. Wie alle anderen Erwachsenen möchste ich sagen: „Wie schnell zu vergangen bist!“ und gleichzeitig: „Wie viel Spaß es gemacht hat, dir zu schreiben“. Ich fühle mich ein bisschen auf der Meta-Ebene von meinem eigenen Leben, wenn ich dir schreibe, ich denke mehr über bestimmte Dinge nach, hole andere an die Oberfläche, die ich sonst vielleicht übergangen hätte und gucke mir kleine Sachen genauer an. Und obwohl ich es nicht geschafft habe, sehr viel früher aufzustehen, bin ich doch ein kleines bisschen mehr ein „Blogger-Mädchen“ geworden. Und falls es dir nichts ausmacht, werde ich dir einfach weiterhin schreiben, denn es fällt mir glaube ich leichter, wenn ich meine Gedanken an jemanden oder etwas richte (auch wenn ich glaube ich an den Überschiften dieser Einträge arbeiten sollte, sodass leichter ersichtlich ist, worum es geht).

Ich sehe dich schon langsam in Richtung Tür gehen und deinem älteren (? oder vielleicht jüngeren? – August hat eine höhere Zahl, kommt aber nach dir) Bruder August Platz machen. Komisch, auf den ersten Blick ist August für mich männlich, wenn ich länger darüber nachdenke eher weiblich und insgesamt seid ihr alle sehr angenehm neutral. Auf jeden Fall wollte ich dir noch kurz von mir und Abschieden erzählen. Abschiede fallen mir immer ein bisschen schwer oder anders, ich nehme Abschiede häufig schwer. Und früher habe ich gesagt, dass ich eben nicht für Abschiede gemacht bin, aber ich glaube das stimmt gar nicht. Ich nehme Abschiede schwer und breche, bei „großen“ Abschieden häufig in Tränen aus (und habe immer ein bisschen Sorge, dass sich deshalb andere um mich Sorgen machen), aber wenn der Abschied dann vorbei ist, kann ich in den allermeisten Fällen damit dann auch abschließen. Ich lasse einmal bei der Gelegenheit meinen Gefühlen freien Lauf und lasse sie groß werden und mich übermannen (interessantes Wort) und Besitz von mir ergreifen, mich umspühlen, mitreißen und überwältigen, aber wenn ich am Ende der Talfahrt der Gefühle dann sozusagen am Ufer angespühlt werde bin ich zwar ein bisschen erschöpft, aber auch frei von ihnen. Und dann kann ich mich dem nächsten Abenteuer zuwenden. Und es geht mir damit dann viel besser, als wenn ich sie unterdrücke und sie in einem dünnen Rinnsal sehr lange aus mir herauströpfeln müssen. Und ich glaube, das ist, zumindest für mich, die einzig wahre Art von Abschied.

Im August stehen ein paar Abschiede an und ich bin mir noch nicht so sicher, wie sehr sie mein Leben verändern werden, aber andererseits beginnt ein neuer spannender Abschnitt, auf den ich mich freue. Und trotzdem ich dir wahrscheinlich weiterhin schreiben werde sage ich für dieses Jahr: Auf Wiedersehen, Juli, es war eine schöne Zeit mit dir. Bis nächstes Jahr!

Lu

Dear July // 14

Fischreiher

Creative Commons Lizenzvertrag  Foto von Gidzy. Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Dear July,

heute habe ich mich an die Zeit zurückerinnert, als ich noch mit dem Rad zur Schule gefahren bin. Es gab zwei Möglichkeiten, einen Weg, der ein bisschen kürzer war und einen, der ein bisschen schöner war. Ich habe es so genossen, jeden Morgen zwischen 12 und 13 km mit dem Rad zu fahren, ganz allein mit meinen Gedanken und der Natur und mich vor dem Start in den Tag sortieren zu können. Manchmal habe ich Spiele mit mir selber gespielt, An-wie-vielen-Bäumen-kannst-du-entlang-fahren-bis-dich-das-nächste-Auto-überholt war ebenso ein Favourite wie Wie-lange-dauert-es-bis-zu-aus-den-Nummernschildern-deinen-Namen-bilden-kannst (I kommt relativ selten vor) oder Wie-viele-Sachen-kannst-du-beim-Rad-fahren-nebenbei-machen. Nie habe ich einfacher Vokabeln gelernt als auf dem Rad (mit Vokabelkarten, die von einer Jackentasche in die andere wandern) und auf den geraden, sehr unbenutzten Wegen, habe ich meine Fähigkeiten im Rad-fahren-und-Lesen genauso vervollkommned wie Rad-fahren-und-Stricken (womit ich seither gerne ein bisschen angebe und schon lange nicht mehr mache, denn in der Stadt geht sowas wirklich nicht).

Wie alle anderen auch, hatte ich damals Tage an denen es mir gut ging, aber auch Tage, an denen es mir nicht ganz so gut ging und für diese habe ich mir einen kleinen Trick überlegt – ich bin den längeren Weg gefahren. Der längere Weg führte nämlich an einem Kanal entlang. Und an den allermeisten Tagen stand morgens ein Fischreiher an diesem Kanal und hat – nun ja, den Morgen begrüßt, seine Füße gebadet und gefischt. Und ich habe für mich beschlossen, dass Tage, an denen ich dem Fischreiher begegne, gute Tage sind. Das war nur ein bisschen geschummelt, denn an den allermeisten Tagen war er da, häufig sind mir sogar zwei oder drei Reiher begegnet. Nur ganz ganz selten war morgens kein Reiher da, den ich begrüßen konnte. Reiher heißt auf Englisch heron, was ich mir immer über das Wort hero, also Held gemerkt habe. Mein Reiher war mein Held und mit dem festen Glauben, dass Fischreihertage gute Tager werden, wurden die, an denen ich mit dem falschen Fuß aus dem Bett gestiegen war, tatsächlich etwas leichter.

Inzwischen bin ich umgezogen und muss auch schon eine ganze Weile nicht mehr zur Schule radeln. Ich freue mich immer noch, wenn ich irgendwo einen Reiher treffe, aber ich glaube, ich muss mir einen neuen Tageshelden suchen. Das Leben wird dadurch einfach so viel schöner. Du bist nicht mehr lange da, Juli, aber vielleicht kannst du mir ja bei der Suche helfen.

Lu

 

Dear July // 13

Mangosteen
Creative Commons Lizenzvertrag Foto von mttsndrs Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht kommerziell 4.0 International Lizenz.

Dear July,

soald man irgendwo wohnt verlieren Museen und Sehenswürdigkeiten auf seltsame Weise ihren Reiz. Es ist nicht so, dass ich mich weniger für sie interessiere, aber ich mache so viel weniger von diesen Dingen in meiner eigenen Stadt. Und ich bin immer dankbar über Besuch, weil der mir die Möglichkeit gibt, mich in meiner Stadt selber wie ein Tourist zu verhalten. Deshalb habe ich am Wochenende einen Sightseeing Tag gemacht. Ich habe mir zwei Freundinnen geschnappt und wir haben uns ein paar von den Dingen angeguckt, die wir schon immer mal sehen wollten und ein paar von den Dingen gemacht, die wir schon immer mal machen wollten.

Wir hatten Spaß und ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Gesichter so eine Stadt hat. Steigt man in einen Bus und fährt wenige Stationen zeigt die Stadt mir ein neues Gesicht – mal freundlicher, mal aufregender, mal abstoßender, mal lebendiger, mal kommerzieller, mal lieblicher. Und trotzdem hat jede Stadt ihr eigenes Gefühl, ihren speziellen Geschmack und Geruch und ich bin froh, dass ich mich hier so wohl fühle.

Ich habe allerdings auch etwas gelernt, was mich sehr erstaunt hat und das hatte weniger mit der Stadt zu tun als mit mir selber. Wir sind kurz in ein Kaufhaus gegangen, weil…wie auch immer, auf jeden Fall habe ich mich in der Lebensmittelabteilung vergnügt und bin zwischen den Obst umhergewandert. Und obwohl wir in einer solch multikulturellen Welt leben musste ich feststellen, dass ich eine ganze Menge Obst nicht kannte. Ich habe also ein bisschen eingekauft: Kumquat und Tamarillo und (weil ich sie noch nie bewusst frisch gegessen hatte) Feige und Mangosteen. Ich fand den Gedanken, neue Früchte zu probieren sehr spannend.

Als wir dann im Bus saßen und uns die Welt weiter aus dem Trockenen angeguckt haben und ich die Tüte mit meinen Errungenschaften geöffnet habe, wurde ich schon skeptischer. Wie isst man all diese Früchte eigentlich? Bei manchen wusste ich es und die habe ich mit Freude gegessen, bei anderen wussten es meine Freundinnen und das war besonders spannend, aber es blieb auch noch Obst übrig, bei dem wir alle nicht wussten, wie man es isst und ich war erstaunt, wie wenig aufgeschlossen ich diesem Obst gegenüber war. Man sagt: Was der Bauer nicht kennt isst er nicht – und ich habe immer gedacht, dass ich neuem offen gegenüberstehe, tollerant bin, gerne neues ausprobiere, aber ich hatte plötzlich eine starke Abneigung gegen dieses fremde Obst. Es hat komisch geschmeckt. Ich habe es schnell weitergegeben.

Ich glaube, das ist okay, aber ich sollte es mir merken – für Situationen, wo es sich nicht um fremdes Obst dreht, sondern um fremde Menschen, fremde Einstellungen, fremde Gewohnheiten und fremde Arten, wie Dinge erledigt werden. Denn da ist es besonders wichtig, offen zu sein. Ich sollte mich an das exotische Obst erinnern und daran, wie gerne ich es probiert habe, als ich wusste wie und fragen: Wieso … machst du das so? … denkst du so? … handelst du so? Ich hoffe, dass ich das jetzt auch schon mache, aber es schadet nie, mich daran zu erinnern.

Lu

Dear July // 12

LIES
Creative Commons Lizenzvertrag Foto von Leo Reynolds. Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz.

Dear July,

zu dir bin ich immer ehrlich, aber ich erzähle nicht alles – und das ist in Ordnung, denn du bist ja sozusagen immer dabei. Aber du hast mich zum Nachdenken gebracht, Juli, darüber, wie ich mit anderen Menschen rede, was ich erzähle und was nicht.

Ich würde von mir sagen, dass ich sehr selten lüge. Wenn es vorkommt, dann sind es meistens kleine Ausreden „Ich kann heute nicht, weil …“ für „Ich habe keine Lust“, „Ich bin schon beinahe fertig“ für „Es ist noch eine ganze Menge zu tun, aber ich bin hoffentlich beinahe fertig, wenn du das nächste Mal fragst“, „Nein, das war wirklich nicht viel Arbeit“ für „Es war doch eine ganze Menge Arbeit, aber für dich habe ich das gern gemacht und ich möchte nicht, dass du das Gefühl hast, das in irgendeiner Art ausgleichen zu müssen“ und so weiter. Und meistens heißt „Ich bin schon beinahe fertig“ auch einfach „Ich bin schon beinahe fertig“.

Ich kann gut damit leben, dass ich Lügen oder Ausreden der ersten beiden Sorten erzähle, die Wahrheit ein bisschen zu biegen, um Absagen freundlicher zu gestalten und mich ein bisschen organisierter dastehen zu lassen, als ich in Wirklichkeit bin, solange es nicht durchweg falsch ist und einen gewissen Rahmen (den ich allerdings, wenn ich ehrlich bin, nicht genauer definieren kann als „nach Gefühl eben“) nicht überschreitet. Und es fühlt sich seltsam an, darüber so öffentlich zu schreiben, aber ich glaube, dass das praktisch jede und jeder macht (und merke gerade, dass es dadurch auch nicht besser wird – ich weiß einfach für mich ist es in Ordnung, so!).

Was mir allerdings Sorgen macht, Juli, sind die Ausreden oder Verbiegungen der Wahrheit der dritten Art. In manchen Fällen ist dabei nichts sagen etwa genauso schwerwiegend wenn nicht sogar schlimmer, als kleine Veränderungen. Es ist eine Art des Lügens, bei der ich meinem Gesprächspartner nicht traue, mich noch so zu akzeptieren wie ich bin, wenn er oder sie merkt, dass er mir wichtig ist, dass ich mehr tue als ich vielleicht für andere in der gleichen Situation getan hätte. Es ist das Gefühl, den anderen zu überfordern, wenn ich in irgendeiner Art offenbare, wie wichtig er oder sie für mich ist. Es sind Lügen, die mich oberflächlich werden lassen und aus Angst passieren „zu viel“ zu sein, wobei diese Angst aus derselbern Quelle kommt, die mir manchmal einredet, ich wäre „nicht genug“, wobei ich nie weiß, was „genug“ ist. Und ich möchte lernen, das zu ändern. Ich möchte lernen, mir selbst genug zu sein und andere entscheiden zu lassen, wann un dob ich zu viel bin und darauf zu vertrauen, dass sie mir dann Bescheid sagen. Ich glaube, dass das noch sehr viel länger dauert, als in der Zeit, in der du mich dabei begleiten kannst, Juli, aber das ist okay. Wir sprechen im nächsten Jahr noch mal darüber.

Lu

Dear July // 11

Gräser vor Sonnenuntergang
Creative Commons Lizenzvertrag Foto von victor_nuno Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht kommerziell 4.0 International Lizenz.

Dear July,

jetzt bist du schon so weit fortgeschritten – ich mag es kaum glauben! Und heute möchte ich einfach sammeln, was es für mich bedeutet, wenn du da bist, in diesem Jahr oder in vergangenen Jahren, denn du bist für mich der Inbegriff von „Sommer“ und „Sommer“ ist so viele Sachen:

Sommer ist morgens aufwachen und nicht wissen, ob ich noch 2 min oder 2 h schlafen kann, weil es schon hell ist in meinem Zimmer, Sommer ist Obstsalat zum Frühstück und darauf warten, dass die Kirschen billiger werden, Sommer ist Rad fahren – am Morgen, wenn es noch kalte Stellen in der Luft gibt und nachts, wenn es dunkel ist, aber ein sanfteres Dunkel als in allen anderen Monaten, wenn ich das Gefühl habe, dass du mich wie in eine Decke einhüllst und wie einen kleinen Vogel fliegen lässt. Sommer bedeutet für mich, das Meer zu vermissen, Sandstrände und Dünen und das zähe Gras, was auf den Dünen wächst und inzwischen bedeutet Sommer für mich auch die Zeit, in der ich es vermisse, dass ich nicht mehr barfuß laufe, oder es zumindest zu selten tue. Aber ich bin froh, dass ich es aus Angst vor Scherben und nicht aus Angst vor der Meinung anderer unterlasse – das ist für mich ein großer Unterschied, Juli.

Sommer ist der Geruch von frisch gemähtem Gras, aber auch der von Regen – dieser köstliche Geruch von Sommerregen – und von Chlor im Freibad und die Zeit, wo ich am liebsten früh morgens schwimmen gehe und immer überrascht bin, dass das auch andere Menschen machen. Sommer ist dann, wenn ich mich über die Hitze beschwere, bis ich merke, dass wir es hier immer noch so viel kühler haben als weiter südlich und ich beschließe, keinen negativen Ton mehr über das Wetter zu verlieren und es zu genießen, denn im Winter werde ich mich daran zurückerinnern und -sehnen. Sommer ist die Zeit, in der der Abend für mich das schönste wird und ich das Gefühl habe, dass am Abend alles noch schöner wird als sonst.

Sommer ist auch die Zeit, in der ich schon vergessen habe, wie wunderschön das Grün der Bäume im Frühling ist. Und wie bunt die Welt im Herbst. Sommer ist die Zeit für Eis und die Zeit, in der mir am meisten auffällt, dass ich zu wenig Wasser trinke. Sommer ist für mich dann, wenn ich meine alten Astrid Lindgren Bücher hervorhole (besonders Saltkrokan und Kalle Blomquist) und sie ein nächstes Mal lese und liebe. Sommer ist dann, wenn mir Kinderlachen häufiger auffällt und ich Sonnenbrand bekomme und weniger braun werde als gedacht (aber das ist in Ordnung). Sommer ist die Zeit, wenn die ersten Heuballen auftauchen und meine Postkarten nicht nur von zu Hause kommen. Sommer macht wach und offen und melancholisch und vor allen Dingen lässt mich der Sommer daran denken, wie wundervoll das Leben ist.

Lu

Dear July // 10

Frauen 100 m Lauf Ziellinie
Creative Commons Lizenzvertrag  Foto von PixelPlacebo. Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz.

Dear July,

ab und zu spühlt ein neuer Monat neue Ideen in meinen Kopf, neue Interessen und neue Dinge, die mir wichtig sind. Und du hast mir den Feminismus gebracht. Ich stehe noch ganz am Anfang von all den Dingen, die ich interessant finde und die ich gerne genauer kennenlernen würde. Ich stehe noch ganz am Anfang mit meiner eigenen Meinung, was mir besonders wichtig ist und was ich von all dem halte. Aber ich merke, dass es mir schwer fällt, mich als Feministin zu identifizieren. Ich bin mir nicht sicher, in welchem Zusammenhang das Wort für mich einen negativen Beigeschmack erworben hat. Und ich muss mir immer wieder klar machen, dass ich nicht „gegen Männer“, sondern „für Chancengleichheit“ bin, nicht die Taten der einen verdamme und der anderen grundsätzlich bevorzuge, nicht „Rache nehmen“ möchte, an den Jahrtausende alten Formen des Patricharchismus, sondern „nur“ finde, dass Männern und Frauen die gleichen Chancen gegeben werden sollten. Und dass dies immer noch nicht (überall) der Fall ist, so sehr ich das auch glauben möchte. Dass Frauen immer noch im Schnitt für diegleiche schlechter bezahlt werden, dass Frauen immer noch zu selten in Führungspositionen vertreten sind, dass Frauen immer noch Sexismus ausgesetzt sind, wenn auch in einem viel subtileren Maße als noch vor einigen Jahren. Ich bin mir nicht sicher, wieso Feminismus bei mir all diese Beispiele hervorruft, gegen die ich mich aktiv in meinem Kopf wehren muss. Und es überrascht mich und beunruhigt mich ein bisschen, weil es mir zeigt, dass Chancengleichheit für Frauen noch lange nicht in allen Köpfen akzeptiert ist, dass es Menschen gibt, die den Feminismus so bedrohlich finden, dass die Menschen, die sich dafür engagieren (meistens Frauen), wenn möglich klein geredet und abgestempelt werden. Natürlich gibt es wie in allen anderen Bewegungen auch Menschen, die sich in verschiedenem Umfang und mit verschiedenen Mitteln einsetzen und gerade im Feminismus habe ich das Gefühl, dass jede Generation für sich neu die Probleme definiert und die Grenzen absteckt, aber gerade hier ist die Grundidee eigentlich noch „radikal“ genug, dass darüber diskutiert werden könnte und nicht die Randgruppen „verdammt“ werden müssen. (Ein schöner TED Talk ist übrigens HIER und HIER zu finden)

Am meisten fasziniert mich zur Zeit Feminismus in der Filmindustrie. Wenn ich lese, dass nur 5 % der 2000 erfolgreichsten Filme der letzten 20 Jahre Frauen als Regisseurinnen hatten (mehr Zahlen dazu sind zum Beispiel hier zu finden), dann macht mich das traurig, weil ich merke, wie selten Frauen Geschichten auf ihre Art in den Mainstream Medien erzählen können. Dieses eine Beispiel ist vielleicht eines der am wenigsten bedeutsamen, aber das hast du mir heute zugetragen, Juli. Und ich weiß, ich werde noch mehr lernen. Ich werde lernen, was ich tun kann, um mich wohlzufühlen, mich als Feministin zu bezeichnen, ich werde lernen, was ich tun kann, um die Chancenungleichheit zwischen Männern und Frauen ein bisschen zu ändern und ich werde mehr lesen, gucken und mit Leuten reden, damit ich meinen nächsten Blogpost schreiben und mich sicherer dabei fühlen kann.

Lu

Dear July // 9

Kind auf Weg und Schatten
Creative Commons Lizenzvertrag Foto von huntz. Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

Dear July,

heute ist ein wahrhaft echter Sommerferientag. Ich bin immer noch zu Besuch und ich habe mehrere Sachen mal wieder gelernt und mal wieder gedacht und mal wieder verstanden. Es ist so seltsam, dass es eine ganze Menge Menschen in unserer Gesellschaft gibt, die mit Kindern nichts zu tun haben – oder nur sehr wenig – mich eingeschlossen. Ich habe keine eigenen, bin in der Familie eine der jüngsteren und auch meine Freunde sind meistens noch nicht in dem Alter, dass sie mit Kindern umgeben sind aka eigene haben. Natürlich könnte ich mich in der Jugendarbeit engagieren, wenn ich wollte und natürlich sehe ich jeden Tag mehrere Kinder um mich herum in der Stadt, aber die sind weit weg, ich bin nicht in irgendeiner Art mit ihnen verbunden und „fremde Kinder“ haben eine Aura um sich, die ich fast nie durchbreche. Mich nciht einmischen, ihnen nicht zu nahe treten.

Ich weiß, dass ich unbedingt einmal Kinder haben möchte, ich weiß aber auch, dass ich mir wahrscheinlich nur in Ansätzen vorstellen kann, wie anstrengend das ist, dass man seine Kinder eben nicht abends wieder abgeben kann, dass man nicht unbedingt mehr freien Wochenenden hat, dass man nicht mehr nur seine Sachen aufräumen muss, nicht so unabhängig sein wird wie vorher, dass es eine ganze Weile dauern wird, bis man wieder durchschlafen kann und dass Kinder überhaupt eine große Umstellung bedeuten.

Aber ich weiß auch, wie wundervoll es ist, wenn Kinder einen anstrahlen, wenn man die Welt durch ihre Augen ein bisschen neu entdecken kann, dass es wenig schöneres gibt, als mit Kindern auf dem Schoß ein altes Lieblingsbuch zu lesen und ich merke, dass eines der schwierigsten Dinge es ist (oder zumindest zu sein scheint), nicht ständig zu lachen, denn Kinder sind so oft so komisch. Und Kinder sind so freigibig mit ihrer Wärme.

Ich bin zu Besuch und habe es mit zwei besonders wundervollen Kindern zu tun und ich freu mich so, Juli, dass du mir ein paar Kinder bringst.

Lu

Dear July // 8

Zug nach Narvik fährt ein in Uppsala C
Creative Commons Lizenzvertrag Foto von abaransk. Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

Dear July,

es ist Sommer und ich bin spontan ein bisschen auf Reisen. Reisen ist für mich etwas sehr sonderbares, zumindest manchmal, denn Wege haben nicht immer Zeit. Zuhause packe ich meinen Koffer, mache mir ganz viele Gedanken über mein Ziel, nehme wahrscheinlich zu viel mit und vergesse mindestens ein wesentliches Ding wie zum Beispiel meine Zahnbürste. Und dann mache ich mich auf den Weg. Ich steige in die Bahn oder den Bus oder stehe an der Straße und halte den Daumen raus und manchmal, manchmal steige ich auch in ein Flugzeug. Ich bin mir nicht sicher, wie es funktioniert, aber sobald ich auf dem Weg bin, bleibt die Zeit für mich stehen. Es ist meistens nicht so, dass ich mich langweile, ich kann lange lange fasziniert aus einem Fenster gucken oder sogar auf ein Navigationsgerät, es ist auch nicht so, dass auf dem Weg die Zeit an mir vorbeirauscht – vielleicht sind Wege die einzige Zeit, wenn ich das Gefühl habe, dass Zeit in genau der richtigen Geschwindigkeit vergeht. Aber wenn ich drei Stunden unterwegs war und ankomme und aus dem Auto, dem Bus, der Bahn oder dem FLugzeug aussteige, dann bin ich immer ein bisschen verwirrt, weil ich das Gefühl habe, es sollte, müsste, wäre genauso spät wie zu dem Zeitpunkt, als ich eingestiegen bin. Wege haben keine Zeit.

Gerade besuche ich eine Freundin und diese Reise kam mir besonders seltsam vor. Ich habe nämlich nicht aus dem Fenster geschaut, sondern mich in ein Buch vertieft. Gefühlt haben schon alle anderen (wer auch immer alle anderen sind) „We were Liars“ vor mir gelesen, aber ich hatte auf der dreistündigen Fahrt endlich Zeit, mich ganz in dieses Buch zu versenken. Bis jetzt ist es ziemlich großartig und ich hatte mehr das Gefühl von meiner Heimatstadt auf eine Insel und in einen Strudel an Gedanken, Erinnerungen, Vergessen, Spaß, Drama, Erwachsen werden und Sommer gesogen zu werden, von wo aus ich mich nur schwer befreien konnte, um dort anzukommen, wohin mein Körper auf der Reise war. Ich bin so froh, Juli, dass du mir gezeigt hast, wie sehr ich vergessen habe, wie sehr ich Bücher liebe und wie wundervoll sie sind. Eigentlich weiß ich das ja, aber andererseits ist es schon eine Weile her, seit ich ein Buch gelesen habe, dass mich wirklich und zum ersten Mal begeistert (denn in letzter Zeit habe ich auch viele alte Lieblinge noch mal hervorgegraben – das ist auch schön, aber ganz anders). Und der Sommer ist endlich wirklich da – ich habe einen kleinen Sonnenbrand auf der Nase, der mich an dich denken lässt.

Bis bald

Lu

Dear July // 7

Masks on sale in New Orleans
Creative Commons Lizenzvertrag Foto von exfordy Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Dear July,

ich weiß nicht, wie gut du mit deinen Geschwistermonaten auskommst, wie viel du mit ihnen redest. Deshalb muss ich dir vielleicht sagen, dass mich dein Bruder Dezember eine wertvolle Lektion gelehrt hat – dachte ich zumindest. Aber heute war alles wieder wie damals und ich bin verwirrt und traurig und verwirrt – vor allen Dingen verwirrt. Ich weiß nicht genau – es gibt einen feinen Unterschied zwischen einer Person und der Idee von einer Person. Eine Person ist dreidimensional – sie hat Ecken und Kanten und verschiedene Seiten und obwohl man vielleicht relativ schnell eine ganze Menge Dinge über sie lernen kann, kann man glaube ich nie alles über sie wissen oder zumindest nur sehr selten. Eine Person hat gute und schlechte Facetten, Dinge, die man mag und Dinge, die man weniger mag. Ich glaube das gilt für jeden – so unsympathisch mir jemand ist, ich bin der festen Überzeugung, dass ich, wenn ich nur lange genug suche mindestens eine Eigenschaft entdecke, die mir sympathisch ist und so gern ich jemanden auch mag – es gibt immer mindestens eine Sache, mit der ich nicht gut zurecht komme. Manchmal ist mir dieser Gedanke unheimlich, weil er mich auffordert, meine Urteile über andere zu überdenken und das – das muss ich zugeben – tue ich in beide Richtungen ungern.

Die Idee von einer Person dagegen ist sehr anders. Die Idee von einer Person ist das, was ich aus einer Person in meinem Kopf mache, wenn ich ihr die Dreidimensionalität abspreche. Dann ist der andere entweder nur gut, geradezu perfekt oder nur schlecht – beinahe ein Monster. Ich bin sehr froh (und ich muss zugeben, dass auch ein bisschen Überheblichkeit dabei ist, wenn ich sage, oder vielleicht mehr nur bei mir denke), dass ich in den meisten Fällen von Personen, die ich nicht so gerne mag zumindest einigermaßen zwischen Person und Idee unterscheiden kann und weiß: Ich mag zwar diesen speziellen Aspekt der anderen Person nicht, aber … Meine erste Englischlehrerin zum Beispiel war jemand, mit der ich auf persönlicher Ebene nicht gut klar gekommen bin, aber sie war eine wirklich gute Lehrerin. Eine Kommilitonin jemand, mit der ich nicht gerne zusammengearbeitet oder Zeit verbracht habe, aber ich habe ihren Familiensinn bewundert.

Was mir ungleich viel schwerer fällt ist aber, eine Person, die ich sehr gerne mag nicht zu einer Idee werden zu lassen. Ihr Ecken und Kanten und Tiefe und Unperfektion zuzugestehen. Es ist nicht fair, andere für perfekt zu halten und mir passiert es nicht häufig, aber eben doch manchmal und ich hoffe, Juli, dass du mir dabei hilfst, andere Menschen dreidimensionaler zu sehen, mit Makeln und Fehlern und Facetten und all den wunderbaren Eigenschaften, die sie eben auch haben.

Lu

Meine Liebe … Koriander // 2

Korinader
Creative Commons Lizenzvertrag Foto von JaBB.  Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

Ich bin mir sehr unsicher, in wieweit ich Rezepte hier veröffentlichen darf, die ich aus Kochbüchern oder Zeitschriften habe, aber zum Glück gibt es das Originalrezept von dem zweiten Koriandergericht, das ich so genossen habe einfach im Internet und so kann ich die Spinat-Mango-Tortillas hier verlinken.

Was es sind mehrere Sachen an diesem Rezept so wundervoll.

Zum einen finde ich Spinat super lecker, aber mein Ideenreichtum reicht meistens bis zu: Spinat mit Kartoffeln und Ei – und das ist auf die Dauer dann doch etwas eintönig.

Dann ist die Mischung mit Mango sehr ungewöhnlich, aber mir hat das etwas süß-salzige (auf jeden Fall genug Salz zu der Fülllung geben!) sehr gut geschmeckt – es macht es besonders.

Es ist auf jeden Fall Fingerfood (wenn auch in der Version die bei mir rausgekommen ist realtiv klecker-anfällig. Ich weiß nicht genau, ob und was ich ändern muss, um es gut anderswo hin mitnehmen zu können  und nicht nur direkt an meinem Küchentisch essen zu können, aber da macht das garnichts und eher mehr Spaß.

Und als letztes ist zu erwähnen, dass für mich die sommerliche Note, die das ganze besonders gut macht durch den Koriander dazukommt. Der gibt dem Ganzen nämlich eine ungewöhnliche Frische – einfach so lecker!

(Übrigens habe ich die Chiliflocken und die Holzspieße bei meiner Version weggelassen – aber dass jeder das Rezept abwandeln kann wie sie/er mag ist ja klar 🙂

Ich kann es auf jeden Fall nur empfehlen – es geht relativ schnell, ist einfach und gut und macht außerdem Spaß zu essen!