Dear July // 2

Dear July,

als ich gestern Nachmittag dazu angesetzt habe dir zu schreiben dachte ich, dass es ein „Nicht-Tag“ wäre.

Heute ist ein „Nicht-Tag“ – ich bin weder besonders fröhlich noch traurig oder gelangweilt, aber zu sagen, dass ich einfach „bin“, würde eine Art innere Zufriedenheit implizieren, die ich heute auch nicht habe. Ich bin weder besonders konzentriert noch fahrig, weder hungrig noch satt, nicht neugierig, lethargisch oder angespannt – heute ist ein Nicht-Tag. Ich habe die meiste Zeit in einem Gebäude verbracht, das zwar hell ist, aber durch dessen Fenster mich keine Sonnenstrahlen erreichen, weil Blenden davor sind, sodass ich weder das Gefühl habe, eingesperrt zu sein, noch die Welt draußen genießen kann. Manchmal habe ich das Gefühl, je älter ich werde, desto mehr dieser Nicht-Tage gibt es, desto weniger werden Begeisterung und Erwartung und helle Freude und Tiefe Trauer.

Aber ich war zu schnell. Ich hatte ein seltsames Gefühl von Geschwindigkeit vor allem in meinem Bauch. Und ich bin nicht gerne schnell, wenn ich dir schreibe, für dich nehme ich mir Zeit. Also habe ich diesen Brief nach hinten verschoben – und das war sehr gut. Denn du hast mich überrascht, Juli.

Zuerst war ich, wie schon letzte Woche auf einem wundervollen Foodmarket. Dort gibt es Essen aus Italien und Frankreich, Thailand und Nigeria, Japan und Vietnam, Ghana und noch so viel mehr. Und jeder Stand ist ein kleines bisschen Staunen und Wundern. Manchmal finde ich, dass ich für solche Märkte zu schüchtern bin, denn ich fühle mich nie ganz wohl, wenn ich einfach stehen bleibe und gucke und frage ohne etwas zu kaufen oder zu kosten. Dabei sollte das doch völlig in Ordnung sein, oder? Und es ist spannend, es gibt handgezogene Nudeln (naja, mehr so eine seeehr lange handgezogene Nudeln), der man bei der Entstehung zusehen kann, eine marokkanische Teezeremonie und so viele kleine Dinge, die man erst sieht, wenn man sich die Zeit dazu nimmt.

Ich habe von den handgezogenen Nudeln probiert und eine Sommerrolle, italienisches Fuccatia und einen Japanischen Nudelburger, veganen Brownie und italienisches Sorbet und Apfel-Minz-Tee und war froh, dass wir zu mehreren dort waren, denn sonst wäre es mir dem probieren schwierig geworden. Es sieht immer alles so gut aus.

Und dann, Juli, hast du ein kleines Wunder vollbracht und mich auf dem Rückweg an einem großen offenen Konzert vorbeigeführt. Ich habe nichts bezahlt und konnte daher die Musiker nicht sehen, aber sehr wohl hören und die Häuser wurden angestrahlt von bunten Lichtern und du hast eine laue Sommernacht beschehrt, voller Geheimnis und Ruhe und Musik und Licht und einem Hauch des italienischen dolce vita! Und ich habe zwischen bekannten und unbekannten Menschen auf Treppenstufen gesessen und mich sehr geborgen und ein bisschen alleine gefühlt und so zufrieden. Denn dort konnte ich wirklich sagen, dass ich BIN.

Ich habe an dich gedacht, Juli, und mir sind viele Gedanken in den Kopf geschwebt von Dingen, die ich dir erzählen wollte, aber dann sind sie weitergezogen und es war ganz in Ordnung so und dann, dann kam tatsächlich noch ein Feuerwerk und später sind wir zu zweit durch die Nacht nach Hause geradelt und ich habe mich in die Sommernacht verliebt, denn sie war so wunderschön.

 Feuerwerk
Creative Commons Lizenzvertrag Foto von Jarepolin. Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz.

Und heute, heute bin ich wieder in dem Gebäude mit und ohne Fenstern und mit und ohne Licht und es ist ein bisschen wie gestern, aber weniger ein Nicht-Tag, denn ich bin innen drin viel fröhlicher und erwartungsvoller und ein bisschen aufgeregt, was du mir noch so alles bringst.

Lu

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