Dear July // 6

Dear July,

gestern Abend war ich mit einer Freundin in einem Musical. Ich habe das Stück vor einer ganzen Weile schon einmal gesehen, auch die Filmversion ist mir nicht fremd. Ich mag die Geschichte, ich kann die meisten Lieder mitsingen, ich hab mich sehr auf das Stück gefreut. Und dann habe ich gemerkt: Es war nicht so, wie das letzte Mal, als ich es gesehen habe. Es gab andere Schauspieler, einige Lieder hatten minimale Änderungen erfahren, das Bühnenbild war in meiner Erinnerung noch ein bisschen schillernder. Und vor allem während der ersten Hälfte musste ich mich sehr anstrengen und habe es doch nicht ganz hinbekommen, das Stück zu sehen, was gerade jetzt vor meinen Augen lief und nicht das Stück, was vor meinen Augen lief im Vergleich zu all den Erwartungen, die ich daran hatte. Zum Glück war ich nicht alleine dort, zum Glück konnte ich fragen: „Gefällt es dir? Ist es gut?“ und ich war so erstaunt, dass ich insbesondere die zweite Frage stellen musste, denn niemand kann mir sagen, ob ich ein Stück, ein Buch, einen Film, einen Menschen gut  finde, ob er oder sie oder es mir gefällt, ob es meine Saiten zum Schwingen bringt. Das kann ich nur selber wissen. Die zweite Hälfte fand ich deutlich besser, ich weiß nicht, ob ich mich einfach an das „neue“ Stück gewöhnt hatte oder ob ich entspannter gucken konnte oder ob ich einfach die Themen der zweiten Hälfte spannender fand – auf jeden Fall war es viel schöner.

Und ich musste darüber nachdenken, Juli, wie die Zeit und die Erwartungen die Wirklichkeit verändern. Das ist viellecht nicht so wichtig, wenn ich nicht ganz so restlos begeistert bin von einem Theaterstück, aber das ist über alle Maßen wichtig, wenn ich mit anderen Menschen zusammen bin, wenn ich nach einem Job suche oder Ansprüche stelle an mich selber. Was ich erwarte verändert den Blick auf alles und je höher meine Erwartungen sind, desto einfacher ist es, unzufrieden zu werden. Und es reicht nie aus, andere zufragen: „Und, ist es gut?“, sondern es muss immer ich sein, die mir selber antwortet: „Ja, es ist gut, du kannst zufrieden sein, freu dich, genieße es, es macht Spaß. Nur weil es neu und anders ist als du erwartet hast, muss es nicht schlechter sein, sondern du kannst dich einfach mit großen Augen umgucken und genießen was du siehst. Du musst nicht alles gut finden, was angeboten wird, es ist völlig in Ordnung, wenn manche Dinge nicht deine sind, aber das Leben ist so viel reicher, wenn du offen auf neue Erlebnisse zugehst.“ Ich glaube eigentlich, dass ich das eigentlich tue, aber offensichtlich nicht häufig genug. Heute bin ich über ein Zitat gestolpert, dass mich am liebsten noch eine Weile gegleiten soll, Juli:

Your mind is like a parachute, it only work if it is open.

Lu

Parasailing
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