Dear July // 7

Masks on sale in New Orleans
Creative Commons Lizenzvertrag Foto von exfordy Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Dear July,

ich weiß nicht, wie gut du mit deinen Geschwistermonaten auskommst, wie viel du mit ihnen redest. Deshalb muss ich dir vielleicht sagen, dass mich dein Bruder Dezember eine wertvolle Lektion gelehrt hat – dachte ich zumindest. Aber heute war alles wieder wie damals und ich bin verwirrt und traurig und verwirrt – vor allen Dingen verwirrt. Ich weiß nicht genau – es gibt einen feinen Unterschied zwischen einer Person und der Idee von einer Person. Eine Person ist dreidimensional – sie hat Ecken und Kanten und verschiedene Seiten und obwohl man vielleicht relativ schnell eine ganze Menge Dinge über sie lernen kann, kann man glaube ich nie alles über sie wissen oder zumindest nur sehr selten. Eine Person hat gute und schlechte Facetten, Dinge, die man mag und Dinge, die man weniger mag. Ich glaube das gilt für jeden – so unsympathisch mir jemand ist, ich bin der festen Überzeugung, dass ich, wenn ich nur lange genug suche mindestens eine Eigenschaft entdecke, die mir sympathisch ist und so gern ich jemanden auch mag – es gibt immer mindestens eine Sache, mit der ich nicht gut zurecht komme. Manchmal ist mir dieser Gedanke unheimlich, weil er mich auffordert, meine Urteile über andere zu überdenken und das – das muss ich zugeben – tue ich in beide Richtungen ungern.

Die Idee von einer Person dagegen ist sehr anders. Die Idee von einer Person ist das, was ich aus einer Person in meinem Kopf mache, wenn ich ihr die Dreidimensionalität abspreche. Dann ist der andere entweder nur gut, geradezu perfekt oder nur schlecht – beinahe ein Monster. Ich bin sehr froh (und ich muss zugeben, dass auch ein bisschen Überheblichkeit dabei ist, wenn ich sage, oder vielleicht mehr nur bei mir denke), dass ich in den meisten Fällen von Personen, die ich nicht so gerne mag zumindest einigermaßen zwischen Person und Idee unterscheiden kann und weiß: Ich mag zwar diesen speziellen Aspekt der anderen Person nicht, aber … Meine erste Englischlehrerin zum Beispiel war jemand, mit der ich auf persönlicher Ebene nicht gut klar gekommen bin, aber sie war eine wirklich gute Lehrerin. Eine Kommilitonin jemand, mit der ich nicht gerne zusammengearbeitet oder Zeit verbracht habe, aber ich habe ihren Familiensinn bewundert.

Was mir ungleich viel schwerer fällt ist aber, eine Person, die ich sehr gerne mag nicht zu einer Idee werden zu lassen. Ihr Ecken und Kanten und Tiefe und Unperfektion zuzugestehen. Es ist nicht fair, andere für perfekt zu halten und mir passiert es nicht häufig, aber eben doch manchmal und ich hoffe, Juli, dass du mir dabei hilfst, andere Menschen dreidimensionaler zu sehen, mit Makeln und Fehlern und Facetten und all den wunderbaren Eigenschaften, die sie eben auch haben.

Lu

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