Dear July // 8

Zug nach Narvik fährt ein in Uppsala C
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Dear July,

es ist Sommer und ich bin spontan ein bisschen auf Reisen. Reisen ist für mich etwas sehr sonderbares, zumindest manchmal, denn Wege haben nicht immer Zeit. Zuhause packe ich meinen Koffer, mache mir ganz viele Gedanken über mein Ziel, nehme wahrscheinlich zu viel mit und vergesse mindestens ein wesentliches Ding wie zum Beispiel meine Zahnbürste. Und dann mache ich mich auf den Weg. Ich steige in die Bahn oder den Bus oder stehe an der Straße und halte den Daumen raus und manchmal, manchmal steige ich auch in ein Flugzeug. Ich bin mir nicht sicher, wie es funktioniert, aber sobald ich auf dem Weg bin, bleibt die Zeit für mich stehen. Es ist meistens nicht so, dass ich mich langweile, ich kann lange lange fasziniert aus einem Fenster gucken oder sogar auf ein Navigationsgerät, es ist auch nicht so, dass auf dem Weg die Zeit an mir vorbeirauscht – vielleicht sind Wege die einzige Zeit, wenn ich das Gefühl habe, dass Zeit in genau der richtigen Geschwindigkeit vergeht. Aber wenn ich drei Stunden unterwegs war und ankomme und aus dem Auto, dem Bus, der Bahn oder dem FLugzeug aussteige, dann bin ich immer ein bisschen verwirrt, weil ich das Gefühl habe, es sollte, müsste, wäre genauso spät wie zu dem Zeitpunkt, als ich eingestiegen bin. Wege haben keine Zeit.

Gerade besuche ich eine Freundin und diese Reise kam mir besonders seltsam vor. Ich habe nämlich nicht aus dem Fenster geschaut, sondern mich in ein Buch vertieft. Gefühlt haben schon alle anderen (wer auch immer alle anderen sind) „We were Liars“ vor mir gelesen, aber ich hatte auf der dreistündigen Fahrt endlich Zeit, mich ganz in dieses Buch zu versenken. Bis jetzt ist es ziemlich großartig und ich hatte mehr das Gefühl von meiner Heimatstadt auf eine Insel und in einen Strudel an Gedanken, Erinnerungen, Vergessen, Spaß, Drama, Erwachsen werden und Sommer gesogen zu werden, von wo aus ich mich nur schwer befreien konnte, um dort anzukommen, wohin mein Körper auf der Reise war. Ich bin so froh, Juli, dass du mir gezeigt hast, wie sehr ich vergessen habe, wie sehr ich Bücher liebe und wie wundervoll sie sind. Eigentlich weiß ich das ja, aber andererseits ist es schon eine Weile her, seit ich ein Buch gelesen habe, dass mich wirklich und zum ersten Mal begeistert (denn in letzter Zeit habe ich auch viele alte Lieblinge noch mal hervorgegraben – das ist auch schön, aber ganz anders). Und der Sommer ist endlich wirklich da – ich habe einen kleinen Sonnenbrand auf der Nase, der mich an dich denken lässt.

Bis bald

Lu

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