Dear July // 12

LIES
Creative Commons Lizenzvertrag Foto von Leo Reynolds. Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz.

Dear July,

zu dir bin ich immer ehrlich, aber ich erzähle nicht alles – und das ist in Ordnung, denn du bist ja sozusagen immer dabei. Aber du hast mich zum Nachdenken gebracht, Juli, darüber, wie ich mit anderen Menschen rede, was ich erzähle und was nicht.

Ich würde von mir sagen, dass ich sehr selten lüge. Wenn es vorkommt, dann sind es meistens kleine Ausreden „Ich kann heute nicht, weil …“ für „Ich habe keine Lust“, „Ich bin schon beinahe fertig“ für „Es ist noch eine ganze Menge zu tun, aber ich bin hoffentlich beinahe fertig, wenn du das nächste Mal fragst“, „Nein, das war wirklich nicht viel Arbeit“ für „Es war doch eine ganze Menge Arbeit, aber für dich habe ich das gern gemacht und ich möchte nicht, dass du das Gefühl hast, das in irgendeiner Art ausgleichen zu müssen“ und so weiter. Und meistens heißt „Ich bin schon beinahe fertig“ auch einfach „Ich bin schon beinahe fertig“.

Ich kann gut damit leben, dass ich Lügen oder Ausreden der ersten beiden Sorten erzähle, die Wahrheit ein bisschen zu biegen, um Absagen freundlicher zu gestalten und mich ein bisschen organisierter dastehen zu lassen, als ich in Wirklichkeit bin, solange es nicht durchweg falsch ist und einen gewissen Rahmen (den ich allerdings, wenn ich ehrlich bin, nicht genauer definieren kann als „nach Gefühl eben“) nicht überschreitet. Und es fühlt sich seltsam an, darüber so öffentlich zu schreiben, aber ich glaube, dass das praktisch jede und jeder macht (und merke gerade, dass es dadurch auch nicht besser wird – ich weiß einfach für mich ist es in Ordnung, so!).

Was mir allerdings Sorgen macht, Juli, sind die Ausreden oder Verbiegungen der Wahrheit der dritten Art. In manchen Fällen ist dabei nichts sagen etwa genauso schwerwiegend wenn nicht sogar schlimmer, als kleine Veränderungen. Es ist eine Art des Lügens, bei der ich meinem Gesprächspartner nicht traue, mich noch so zu akzeptieren wie ich bin, wenn er oder sie merkt, dass er mir wichtig ist, dass ich mehr tue als ich vielleicht für andere in der gleichen Situation getan hätte. Es ist das Gefühl, den anderen zu überfordern, wenn ich in irgendeiner Art offenbare, wie wichtig er oder sie für mich ist. Es sind Lügen, die mich oberflächlich werden lassen und aus Angst passieren „zu viel“ zu sein, wobei diese Angst aus derselbern Quelle kommt, die mir manchmal einredet, ich wäre „nicht genug“, wobei ich nie weiß, was „genug“ ist. Und ich möchte lernen, das zu ändern. Ich möchte lernen, mir selbst genug zu sein und andere entscheiden zu lassen, wann un dob ich zu viel bin und darauf zu vertrauen, dass sie mir dann Bescheid sagen. Ich glaube, dass das noch sehr viel länger dauert, als in der Zeit, in der du mich dabei begleiten kannst, Juli, aber das ist okay. Wir sprechen im nächsten Jahr noch mal darüber.

Lu

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s