Dear July // 14

Fischreiher

Creative Commons Lizenzvertrag  Foto von Gidzy. Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Dear July,

heute habe ich mich an die Zeit zurückerinnert, als ich noch mit dem Rad zur Schule gefahren bin. Es gab zwei Möglichkeiten, einen Weg, der ein bisschen kürzer war und einen, der ein bisschen schöner war. Ich habe es so genossen, jeden Morgen zwischen 12 und 13 km mit dem Rad zu fahren, ganz allein mit meinen Gedanken und der Natur und mich vor dem Start in den Tag sortieren zu können. Manchmal habe ich Spiele mit mir selber gespielt, An-wie-vielen-Bäumen-kannst-du-entlang-fahren-bis-dich-das-nächste-Auto-überholt war ebenso ein Favourite wie Wie-lange-dauert-es-bis-zu-aus-den-Nummernschildern-deinen-Namen-bilden-kannst (I kommt relativ selten vor) oder Wie-viele-Sachen-kannst-du-beim-Rad-fahren-nebenbei-machen. Nie habe ich einfacher Vokabeln gelernt als auf dem Rad (mit Vokabelkarten, die von einer Jackentasche in die andere wandern) und auf den geraden, sehr unbenutzten Wegen, habe ich meine Fähigkeiten im Rad-fahren-und-Lesen genauso vervollkommned wie Rad-fahren-und-Stricken (womit ich seither gerne ein bisschen angebe und schon lange nicht mehr mache, denn in der Stadt geht sowas wirklich nicht).

Wie alle anderen auch, hatte ich damals Tage an denen es mir gut ging, aber auch Tage, an denen es mir nicht ganz so gut ging und für diese habe ich mir einen kleinen Trick überlegt – ich bin den längeren Weg gefahren. Der längere Weg führte nämlich an einem Kanal entlang. Und an den allermeisten Tagen stand morgens ein Fischreiher an diesem Kanal und hat – nun ja, den Morgen begrüßt, seine Füße gebadet und gefischt. Und ich habe für mich beschlossen, dass Tage, an denen ich dem Fischreiher begegne, gute Tage sind. Das war nur ein bisschen geschummelt, denn an den allermeisten Tagen war er da, häufig sind mir sogar zwei oder drei Reiher begegnet. Nur ganz ganz selten war morgens kein Reiher da, den ich begrüßen konnte. Reiher heißt auf Englisch heron, was ich mir immer über das Wort hero, also Held gemerkt habe. Mein Reiher war mein Held und mit dem festen Glauben, dass Fischreihertage gute Tager werden, wurden die, an denen ich mit dem falschen Fuß aus dem Bett gestiegen war, tatsächlich etwas leichter.

Inzwischen bin ich umgezogen und muss auch schon eine ganze Weile nicht mehr zur Schule radeln. Ich freue mich immer noch, wenn ich irgendwo einen Reiher treffe, aber ich glaube, ich muss mir einen neuen Tageshelden suchen. Das Leben wird dadurch einfach so viel schöner. Du bist nicht mehr lange da, Juli, aber vielleicht kannst du mir ja bei der Suche helfen.

Lu

 

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