Zu Hause

Ein zu Hause

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Dear July,

vor allen Dingen, weil wir uns jetzt eine ganze Weile nicht mehr sehen, schreibe ich dir weiterhin. (Es ist so warm und auf der anderen Straßenseite stehen zwei junge Männer mit freien Oberkörpern in zwei nebeneinanderliegenden Fenstern und sehen auf die Straße. Ich hab sie dort noch nie gesehen und ich frage mich, wie häufig sie das machen und ob sie manchmal zu mir hineingucken und ob mich das generell stört. Ich glaube nicht, wenn ich Dinge tue, bei denen ich nicht gesehen werden möchte, dann mache ich die Vorhänge zu und dass ich gerade am Computer sitze und schreibe, kann nicht so spannend sein)

Ich möchte dir ein bisschen etwas über meine vielen Zu Hauses (? ob das wohl der richtige Ausdruck ist?) erzählen. Früher war das sehr einfach – zu Hause war dort, wo meine Eltern waren, wo ich geboren war, wo meine Familie gelebt hat. Aber als wir dann in eine andere Stadt gezogen sind und ich ein neues Zuhause hatte, eine neue Schule und neue Freunde, ist glaube ich ein kleines Stück von mir am alten Ort geblieben, denn noch heute sage ich: Ich wohne hier, aber ursprünglich komme ich dort her.

Meine Familie gehört zu denjenigen, die ihre Urlaube gerne an dem einen, immer gleichen Ort verbringen und auch wenn ich nie behaupten würde, dass ich dort herkomme oder in irgendeiner Weise mehr mit diesem Ort verbunden bin, als eben meine vielen vielen Sommerferien, so ist im Laufe der Zeit doch ein Stückchen von mir immer an diesem Ort geblieben – ich kenne die Wege und Stege, den Geruch und das Gefühl der Straßen unter meinen nackten Füßen, die Läden und Restaurants und was es sonst den Sommer über dort zu wissen gibt. Und wenn ich dorthin fahre (was in den letzten Jahren nicht mehr so häufig vorkommt), dann habe ich das Gefühl, anzukommen, meine Seele baumeln lassen zu können und – auf eine gewisse Art – zu Hause zu sein.

Ähnliches gilt für den Ort, an den viele viele Chor- und Jugendfreizeiten zu Schulzeiten hingegangen sind. Bis zu drei oder sogar vier mal im Jahr wurde mein kleiner Koffer gepackt, um ein weiteres Wochenende an diesem abgelegenen Ort zu verbringen, an dem es sich beinahe nicht lohnt, sein Handy mitzunehmen, da man sowieso keinen Empfang hat und an dem ich so viele viele schöne Stunden und Tage verbracht habe, bei dem ich gefühlt jeden Stein und jeden Baum und jedes Zimmer kenne – auch das ist ein Stück zu Hause.

Ich habe aber auch gemerkt, dass nicht jeder Ort, an dem ich wohne oder häufig bin gleich zu einem zu Hause wird. Ich habe nachdem ich mit der Schule fertig war ein Jahr im Ausland gewohnt und sehne mich immer noch ab und zu dorthin zurück und fühle mich bei meiner Gastfamilie sehr zu Hause, aber ich habe die Stadt, in die ich danach gezogen bin und in der ich sehr gerne gelebt habe, verlassen, ohne das Gefühl zu haben, nach Hause zu kommen, wenn ich dort Freunde besuche.

Am allerwichtigsten sind mir aber meine zu Hauses bei anderen Menschen. Es gibt Menschen, die ich überall auf der Welt treffen kann und ein Lächeln, ein Wort, ein Witz, eine Geste, die Art wie sie gehen, reden, wie wir in unsere Muster verfallen lässt mich mich so zu Hause fühlen, dass es  mir manchmal beinahe ein bisschen unheimlich ist. Aber andererseits glaube ich, dass ich die meiste Zeit auch in mir zu Hause bin und besser kann es nicht werden, oder?

Lu