Buch Review: Die Frau im Spiegel

Die Frau im SpiegelDie Frau im Spiegel von Éric-Emmanuel Schmitt
Meine Bewertung: 5 von 5 Sternen

Vor mehreren Jahren war ich bei einer Lesung von Eric-Emmanuel Schmitt, bei der er dieses Buch vorgestellt hat. Es war ein wunderschöner Abend und ich habe das Buch vage auf meine imaginäre und endlos lange „das solltest du auch mal lesen“-Liste in meinem Kopf geschrieben. Dass es mir dermaßen gut gefallen würde konnte ich ja nicht ahnen, sonst hätte ich es schon lange getan. Dieses Buch habe ich mir als Hörbuch vorlesen lassen. Dazu kann ich sagen, dass das Konzept, jede der drei Hauptfiguren mit einer anderen Sprecherin zu besetzen sehr gut funktioniert hat und mir alle drei gut gefallen haben.
Es geht um Anne, Hanna und Anny, drei Frauen in drei Zeitaltern, die sich mit ihrer Version von Freiheit und sie selbst sein auseinandersetzen. Alle drei haben es schwer, sich an die geltenden Normen anzupassen. Anne flieht vor ihrer Hochzeit und sucht einen Weg Abseits der Ehe und der Kirche, Hanna ist vor kurzem den Bund der Ehe eingegangen aber in der feinen Wiener Gesellschaft nicht glücklich und Anny ist Schauspielerin, aber hat mit Drogen, Alkohol, dem Showbuisness und ihrer Beziehung zu Männern im allgemeinen und im Besonderen zu kämpfen.
All diese Schicksale könnten für sehr unangenehme Elemente sorgen und in manchen Büchern passiert es, dass ich nicht gerne weiterlese, weil die Personen mit ihren Fehlern so zur Schau gestellt werden, aber hier war das nicht der Fall. Schmitt geht so liebevoll und verständnisvoll mit ihnen um, dass die Eskapaden und Nöte kein weggucken wollen, sondern im Gegenteil ein in die Arme nehmen wollen bewirken. Man möchte am liebsten zu jeder einzelnen hingehen und sagen: „Natürlich darfst du der Mensch sein, der du sein möchtest, mach dir keine Sorgen um die Gesellschaft. Wenn die dich nicht verstehen…geh einfach deinen Weg, du bist wundervoll wie du bist“
Bei mir hinterlässt es die Frage, wieso sich Menschen und vielleicht vor allem Frauen auch heutzutage noch so verbiegen, um den Ansprüchen gerecht zu werden, die eine Gesellschaft an sie stellt. Und die Gewissheit, dass jeder und jede ihren und seinen Weg finden kann.
Ein Buch, zu dem ich mit Freuden zurückkehre und dass ich bestimmt noch ein paar mal lesen werde. Und in diesem Jahr bisher mein unangefochtener Favourit.

Alle meine Reviews ansehen

Advertisements

Das Jüdische Museum

Vor kurzem habe ich das Jüdische Museum in Berlin besucht. Grund meines Besuches war dabei die Ausstellung „Haut ab!“, bei der es um die Beschneidung von Menschen mit einem Penis aus religiösen Gründen geht. Ich war sehr froh, an einer Führung durch die Ausstellungsräume teilgenommen zu haben. Auch wenn ich das nicht gerne zugebe, empfinde ich Museen häufig als nicht besonders spannend, aber das ändert sich, wenn mich jemand hindurchführt, auf Besonderheiten hinweist und Hintergründe erklärt.
Es begann schon mit dem Namen. „Haut ab!“ bezieht sich zum einen auf die Haut, die dem Penis entfernt wird, aber auch auf den Antisemitismus und der Islamfeindlichkeit, der den Angehörigen dieser beiden Glaubensgruppen bei diesem Thema entgegenschlägt und kann gleichzeitig als Aussage von diesen gewertet werden, die sie allen anderen entgegenschleudern – haut ab, lasst uns doch in Ruhe unseren Ritualen nachgehen.
Ich glaube insbesondere auf die architektonischen Besonderheiten wäre ich alleine nicht aufmerksam geworden. Die Ausstellung beginnt mit verschiedenen Skulptren von nackten Männern, die auf einer grauen Fläche stehen – „auf Messers Schneide“. Auch, dass die drei Räume, in denen die meisten Ausstellungsstücke dargeboten werden und von denen sich jeweils einer mit dem Thema Beschneidung aus jüdischer, muslimischer und christlicher Sicht beschäftigt, so aneinander liegen, dass sie durch einen runden Tisch miteinander verbunden sind, wäre mir alleine nicht aufgefallen. Andererseits wusste ich bereits, was mich allerdings immer wieder erstaunt, dass in den USA 50-80% aller Penisse beschnitten sind und es stellt sich dabei unweigerlich die Frage, wieso dies in der einen hauptsächlich christlich geprägten Gemeinschaft entsteht, wohingegen es in Deutschland relativ unüblich ist, wenn es keine zwingenden medizinischen Gründe gibt.
Den Abschluss der Ausstellung bildet ein Raum mit mehreren Stunden Videomaterial. Neben der gesamten Debatte des Bundestages zu dem Thema werden auch Dokumentationen oder Folgen von Serien gezeigt, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, Ausschnitte aus Talkshows, Diskussionen von Eltern, …
Insgesamt hat mir diese Ausstellung gezeigt, was ich so leicht vergesse, nämlich wie tief bestimmte Rituale in verschiedenen Kulturen verwurzelt sind. Ich bin nicht direkt von dem Thema Beschneidung betroffen und kann nur aus einer außenstehenden Perspektive sagen, dass ich im Anschluss an den Besuch in dieser Ausstellung von zwei Dingen überzeugt war: zum einen ist mir die Beschneidung noch ein bisschen suspekter geworden, zum anderen ist mir aber auch klar geworden, dass ich meiner Meinung nach keiner Religionsgemeinschaft einfach ihre Riten absprechen kann und das gilt nicht nur für Dinge, die ich gut nachvollziehen kann, mit denen ich mich wohl fühle, sondern eben auch für solche, mit denen ich weniger viel anfangen kann. Eigentlich ist mir das klar, aber es gibt verschiedene Stufen von verstehen, finde ich. Ich bin bei diesem Thema ausschließlich in der Rolle der Fragenden. Einen (sehr) kleinen Einblick habe ich bekommen und bin froh darüber. Ob es sich weiter entwickelt, ob ich mich weiter mit diesem Thema beschäftige weiß ich noch nicht. Die Ausstellung hat mir auf jeden Fall gut gefallen und etwas wie … ein Bedürfnis nach Bedeutung erfüllt. Ich glaube das ist es, was mich häufig an Museen stört, viele Ausstellungsgegenstände sind mir zu unpersönlich, ich entwickele keine Beziehung zu ihnen, wie klein sie auch sein mag, aber bei meinem Besuch im Jüdischen Museum war das ein bisschen anders. Ich möchte in diesem Jahr gerne mehr Museen besuchen, mal sehen was ich noch alles so erlebe. Die Sonderausstellung „Haut ab!“ ist noch bin zum 1. März 2015 im Jüdischen Museum zu erleben.

Buch-Review: Schiffbruch mit Tiger

Schiffbruch mit Tiger Schiffbruch mit Tiger von Yann Martel
Meine Bewertung: 3 von 5 Sternen

Dieses Buch ist eines der wenigen, bei denen ich zum einen den Film gesehen habe, bevor ich es gelesen habe und mir zum anderen der Film besser gefallen hat als das Buch und ich außerdem nicht das Gefühl hatte, dass im Film große, wichtige Teile fehlen. Im Gegenteil, ich war überrascht, welche Teile der Geschichte im Film auftreten, die im Buch nicht vorkommen. Aber es soll hier ja nicht um den Film gehen. Ich habe das Buch in Form eines Hörbuches genossen. Es handelt sich dabei um eine „autorisierte Version“, wobei ich nicht ganz sicher bin, was das bedeutet und ob Teile gekürzt sind oder nicht. Ilja Richter ist in jedem Fall ein grandioser Vorleser.
Da ich die Geschichte ja, wie gesagt, schon kannte, konnte ich beim Zuhören auch darauf achten, wie sich dies alles im Bezug auf das Ende verhält. Allerdings habe ich das zeitweise auch wieder vergessen, denn die Erzählung an sich fand ich realtiv spannend.
Es geht um Pi, den jüngeren von zwei Brüdern, dessen Familie einen Zoo in Indien besitzt. Ich hatte ganz vergessen, wie lange sich der Blick auf dessen Kindheit richtet und beschreibt, wie sehr er sich für Religionen interessiert. Allerdings kamen mir die später beinahe ein bisschen zu kurz, bzw tauchten nur mehr am Rande der Erzählung als spezifische Religion auf. Die Geschichte wendet sich, als die Eltern beschließen, die Zoo zu verkaufen und nach Nordamerika auszuwandern. Viele der verkauften Tiere werden auch dorthin verschifft und die Familie begleitet diese auf ihrem Weg in die neue Heimat. Wie der Titel des Buches erahnen lässt, geht dabei mitnichten alles gut und Pi findet sich, nach einem Schiffbruch (mehr oder weniger) alleine auf einem Rettungsboot wieder – zusammen mit einem ausgewachsenen Tiger namens Richard Parker.
Mir hat die Zeit, die ich mit Pi in Indien verbringen konnte gut gefallen und ich war beinahe ein bisschen enttäuscht, als es dann auf die Reise ging. Allerdings war auch diese Zeit sehr interessant. An vielen Stellen hatte ich aber das Gefühl, dass ein bisschen mehr von Pis Innenleben der Geschichte für mich noch größere Tiefe gegeben hätte. Es wird viel beschrieben was er tut, ein bisschen, was er sich dabei denkt, aber mehr auf eine mechanische Art und Weise und wenig (wenn auch schon ab und zu) wie er sich fühlt. Das lässt mich auch das, schon sehr elegant hergeleitete Fazit des Buches, das mich beim ersten Mal sehr (positiv) überrascht hat, weniger gläzen, als es könnte.
Außerdem hat die Beschreibung bestimmter Szenen mein Lesevergnügen etwas getrübt, denn sie waren schlichtweg ekelhaft (allerdings beabsichtigt). Man muss auch zugeben, dass in der Situation eines Schiffbruches vieles schon realistisch so passieren kann, es macht das Ganze „wirklicher“ aber trotzdem habe ich diese Passagen nicht genossen.
Alles in allem ein schönes Buch, was aber nicht zu meinen absoluten Favoriten zählt.

Alle meine Reviews ansehen

Buch-Review: Pride and Prejudice

Pride and PrejudicePride and Prejudice von Jane Austen
Meine Bewertung: 3 von 5 Sternen

Nachdem ich einige Male damit begonnen habe, das Original von Jane Austen zu diesem Klassiker selber zu lesen und nie über die ersten Seiten hinausgekommen bin, dachte ich, dass ich ihm als Hörbuch noch einmal eine Chance gebe und – siehe da – das hat mir sehr viel mehr zugesprochen als es selbst zu lesen. Ich habe die genaue Ausgabe auf goodreads nicht finden können, Karen Savage hat mir als Sprecherin gut gefallen.
Zum Inhalt muss ich glaube ich nicht viel sagen. Es geht um das Leben der fünf Bennet-Schwestern, inbesondere der zweitältesten, Elizabeth (auch Lizzy genannt). Unter dem Einfluss ihrer Mutter, deren größtes Ziel im Leben es zu sein scheint, sie alle unter die Haube zu bringen, verfolgen die verschiedenen Schwestern mehr oder weniger erfolgreich ihren eigenen Weg zu ihrem Glück.
Mir war die Geschichte sowohl durch verschiedene Filmadaptionen, als auch durch die Webserie „The Lizzy Bennet Diaries“ (großartige Verlegung der Erzählung in die Gegenwart) bekannt, sodass die Geschichte selbst keine großen Überraschungen mehr barg. Ich bin mir allerdings sicher, dass ich dennoch eine Menge der Witze und Anspielungen nicht mitbekommen habe, denn die Gesellschaftsstrukturen von damals scheinen durch eine sehr viel inderektere Art der Kommunikation geprägt, sodass viele Sticheleien nur noch mit besserer Kenntnis der damaligen Umstände verstanden werden können. Aber auch so war es eine sehr vergnügliche Geschichte, deren Irrungen und Wirrungen mich gut unterhalten (und mir die Vorzüge, die das Leben von Frauen heute gegenüber der Gesellschaft im 19. Jhd. noch einmal klar gemacht) hat. Ich werde mich in diesem Jahr noch an ein paar weitere Klassiker wagen, hoffentlich werde ich mich auch beim selber Lesen für ein paar begeistern können.

Alle meine Reviews ansehen

Buch-Review: City of Masks

City of Masks (Stravaganza, #1)City of Masks von Mary Hoffman

Meine Bewertung: 2 von 5 Sternen

Ich habe dieses Buch zusammen mit vier weiteren aus dieser Reihe vor gefühlt ziemlich langer Zeit geschenkt bekommen und mich jetzt daran gemacht, es zu lesen. Die Geschichte ist ganz nett, hat mich aber nicht wirklich aus den Socken gehauen. Vielleicht bin ich gerade nicht so in der Stimmung für Jugendliteratur, denn ich habe das Gefühl, dass es mir mit etwa 14 deutlich besser gefallen hätte.
Es geht um Lucien, einen 15-jährigen Jungen, der an Krebs leidet und sich gerade von einer Chemotherapie erholt. Sein Vater schenkt ihm ein Notizbuch, mit dessen Hilfe er in eine Art Parallelwelt gelangen kann. Er gelangt vom London der heuten Zeit nach Bellanzza, einer Stadt, die dem Venedig in unserer Welt sehr ähnlich ist, allerdings zur Zeit des 16. Jahrhunderts. Dort trifft er auf Arianna, ein Mädchen in seinem Alter, und Rudolfo, einen Wissenschaftler. Die beiden kümmern sich um ihn und helfen ihm, sich in der Welt und mit seinen Fähigkeiten zurecht zu finden. Rudolfo arbeitet am Hof der Duchessa, der Herrscherin von Bellanzza, sodass Lucien sich eng mit den Geschehnissen am Hof verbunden sieht. Die Duchessa befindet sich in einer politisch kritischen Situation und dass Lucien ihr beinahe zuällig das Leben rettet ist erst der Anfang seiner Abenteuer.

Es fiel mir gar nicht so einfach, diese kurze Zusammenfassung zu schreiben und ich glaube darin liegt auch schon einer der Gründe, wieso mich dieses Buch nicht so richtig mitgerissen hat – mir war nie ganz klar, ob die Geschichte schon begonnen hat, was die wichtigen Teile sind und worauf es hinaus läuft. Die Figuren waren zwar liebenswert, aber ihre Motive und Gefühle und Hintergründe waren mir nicht klar genug herausgearbeitet. Insbesondere der Teil von Luciens Leben, der in der heutigen Zeit spielt wurde eher angerissen und meiner Meinung nach hätte dort eine Menge mehr Arbeit an den Charakteren stattfinden können. Das schwere, aber auch wichtige Thema „schwere Krankheit von Jugendlichen“ wurde zwar erwähnt, aber nicht behandelt, genauso wie, ohne spoilern zu wollen, weitere Schwerpunkte dieses Teils der Geschichte. Aber auch in der Welt von Bellanzza werden beispielsweise die Verwunderung über den Wechsel in eine andere Welt nur sehr am Rande behandelt. Vor allen Dingen am Ende ging es für mich viel zu schnell, die Ereignisse waren mehr hintereinander aufgereiht, wurden aber nicht tiefer ergründet.

Das Buch ist nicht schlecht, lässt aber an Tiefe vermissen. Ich werde in den Folgeband vermutlich auch noch wenigstens reinschauen um einen Überblick zu erhalten, ob die Geschichte, die, wenn ich es dem Cover richtig entnommen habe eine neue Protagonistin hat, dann Fahrt aufnimmt. Wenn nicht werde ich die Serie vermutlich nicht beenden, sondern bei einem ganz netten, wenn auch nicht außergewöhnlich guten Ausflug nach Bellazza belassen.

Alle meine Reviews ansehen

Buch-Review: Sternentaler

SterntalerSterntaler von Kristina Ohlsson
Meine Bewertung: 2 von 5 Sternen

Mein erster Krimi von Kristina Ohlsson – in meinem Regal steht noch (ungelesen) der erste Teil der Serie – Aschenputtel – aber ich habe aus einer Laune heraus mit diesem Hörbuch angefangen, dem dritten Teil der Serie. Zu dem Hörbuch ist zu sagen, dass ich die Stimme des Sprechers Uve Teschner als angenehm empfunden habe, ich konnte gut zuhören.
Ich habe mich auch recht schnell in die Figurenkonstallation der Hauptfiguren eingefunden, die Beziehungen der Ermittler untereinander waren zwar nicht oberflächlich, aber so gut dargestellt, dass ich keine Probleme hatte, zu folgen, wie wer mit wem verbunden ist, obwohl ich eben nicht am Anfang der Serie um Alex Recht und Fredrika Bergman begonnen habe.
Es wird die Leiche einer jungen Frau gefunden, zerhackt, in Plastiksäcke verpackt und in einem Waldstück begraben. Wie sich herausstellt handelt es sich dabei um eine, vor einigen Jahren verschwundene, Studentin. Im Laufe der Ermittlungen geraten immer mehr mögliche Täter in den Blickpunkt der Polizei. Dass nacheinander noch zwei weitere, wenn auch sehr viel ältere Leichen an derselben Stelle gefunden werden, macht den Fall nicht gerade einfacher. Erst spät in der Suche nach dem Mörder findet die Polizei die Schlüsselperson, mit der dies alles zusammenhängt und die seit langem ein wohl gehütetes Geheimnis mit sich herumträgt.

Insgesamt handelt es für mich bei diesem Buch um einen soliden Krimi, der mich allerdings erst recht spät (wenn überhaupt) wirklich gepackt hat. Es werden einige Themen im Hintergrund behandelt – Snuff-Filme, sexelle Übergriffe durch Professoren, ungewollte Schwangerschaften, neue Mutterschaft, Liebe/Beziehungen nach/während einer (persönlichen) Katastrophe – aber alle wurden in meinem Leseerleben eher angerissen als ausführlich abgehandelt. Auch die Unterbechung der Geschichte durch eingestreute Interviews mit dem Ermittlerteam, die offenbar nach den abgeschlossenen Ermittlungen einen Rückblick auf die Geschehnisse geben hat mich eher irritiert als positiv zu meiner Erfahrung beigetragen. Und ganz allgemein ist mir klar geworden, dass viele skandinavische Krimis (ich kenne das sonst auch gut von Henning Mankell oder Lars Kepler) sehr … düster sind, die Figuren innerlich oft auf eine Art zerrissen oder kaputt, die zwar auf der einen Seite sehr zur Tiefe der Figur beiträgt, mir an anderen Stellen aber auch übretrieben vorkommen kann und insgesamt dazu führt, dass ich ein weniger großes Vergnügen dabei habe, diese Bücher zu lesen oder weniger gerne in diesen Texten versinke. Ich werde wohl in nächster Zeit eher andere Bücher lesen, Krimis sehr wohl, aber keine skandinavischen.

Alle meine Reviews ansehen

Buch-Review: Der Nachtzirkus

Der NachtzirkusDer Nachtzirkus von Erin Morgenstern
Meine Bewertung: 4 von 5 Sternen

Der Nachtzirkus ist das erste (zum ersten Mal gelesene) Buch in diesem Jahr, das mir wirklich wirklich gut gefallen hat.
Vielleicht ist es eines der Bücher, von denen man besser den Inhalt nicht so genau kennt, bevor man anfängt es zu lesen. Nicht, weil man sich damit die Geschichte verderben würde, sondern, weil es die Stimmung des Buches so an sich hat, dass alles sehr geheimnisvoll ist, dass man selber auf Entdeckungsreise mit und in dieser Geschichte geht. Eine genauere Inhaltsangabe würde meiner Meinung nach dieser Stimmung nicht zuträglich sein.
Allerdings kann man folgende Dinge schon über die Geschichte sagen: sie spielt zur Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert. Es gibt drei große Erzählstränge. Wie bei einem Zirkus nicht anders zu erwarten ist alles voller Magie. Über das Hörbuch lässt sich außerdem noch sagen, dass ich der Stimme von Matthias Brandt gut zuhören konnte.
Insgesamt war mein Eindruck, dass diese Geschichte etwas von einem Märchen hatte, aber auch von einem Traum. Allerdings nicht so, dass es mir zu unwirklich gewesen wäre, sondern eher als wäre überall ein bisschen Bühnennebel, der die Sicht ein bisschen einschränkt, aber gleichzeitig der Fantasie mehr Raum gibt. Die Sprache ist sehr passend, es wird viel mit Symbolen gearbeitet und insbesondere Farben spielen eine große Rolle. Viele, wenn auch nicht alle Charaktere sind meiner Ansicht nach stimmig geschrieben, wobei sich selbst die Ausnahmen gegen Ende hin gut in das Konzept einfügen und mich die Geschichte besser verstehen lassen. Ich hätte mir allerdings einen noch schöneren Twist gewünscht. Während der Geschichte habe ich mir nicht viele Gedanken darüber gemacht, wie das Ende aussehen könnte, sondern habe sie einfach auf mich zukommen lassen. Deswegen kann ich nicht sagen, dass ich mir das Ende so gedacht hätte, allerdings war ich auch nicht besonders überrascht darüber, wie es gekommen ist. Alles in allem mochte ich den Nachtzirkus und alle seine Figuren sehr gerne – ein schönes Lese- (oder in meinem Fall Zuhör-)Erlebnis.

Alle meine Reviews ansehen

Zu Hause

Ein zu Hause

Creative Commons Lizenzvertrag Foto von jety. Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz.

Dear July,

vor allen Dingen, weil wir uns jetzt eine ganze Weile nicht mehr sehen, schreibe ich dir weiterhin. (Es ist so warm und auf der anderen Straßenseite stehen zwei junge Männer mit freien Oberkörpern in zwei nebeneinanderliegenden Fenstern und sehen auf die Straße. Ich hab sie dort noch nie gesehen und ich frage mich, wie häufig sie das machen und ob sie manchmal zu mir hineingucken und ob mich das generell stört. Ich glaube nicht, wenn ich Dinge tue, bei denen ich nicht gesehen werden möchte, dann mache ich die Vorhänge zu und dass ich gerade am Computer sitze und schreibe, kann nicht so spannend sein)

Ich möchte dir ein bisschen etwas über meine vielen Zu Hauses (? ob das wohl der richtige Ausdruck ist?) erzählen. Früher war das sehr einfach – zu Hause war dort, wo meine Eltern waren, wo ich geboren war, wo meine Familie gelebt hat. Aber als wir dann in eine andere Stadt gezogen sind und ich ein neues Zuhause hatte, eine neue Schule und neue Freunde, ist glaube ich ein kleines Stück von mir am alten Ort geblieben, denn noch heute sage ich: Ich wohne hier, aber ursprünglich komme ich dort her.

Meine Familie gehört zu denjenigen, die ihre Urlaube gerne an dem einen, immer gleichen Ort verbringen und auch wenn ich nie behaupten würde, dass ich dort herkomme oder in irgendeiner Weise mehr mit diesem Ort verbunden bin, als eben meine vielen vielen Sommerferien, so ist im Laufe der Zeit doch ein Stückchen von mir immer an diesem Ort geblieben – ich kenne die Wege und Stege, den Geruch und das Gefühl der Straßen unter meinen nackten Füßen, die Läden und Restaurants und was es sonst den Sommer über dort zu wissen gibt. Und wenn ich dorthin fahre (was in den letzten Jahren nicht mehr so häufig vorkommt), dann habe ich das Gefühl, anzukommen, meine Seele baumeln lassen zu können und – auf eine gewisse Art – zu Hause zu sein.

Ähnliches gilt für den Ort, an den viele viele Chor- und Jugendfreizeiten zu Schulzeiten hingegangen sind. Bis zu drei oder sogar vier mal im Jahr wurde mein kleiner Koffer gepackt, um ein weiteres Wochenende an diesem abgelegenen Ort zu verbringen, an dem es sich beinahe nicht lohnt, sein Handy mitzunehmen, da man sowieso keinen Empfang hat und an dem ich so viele viele schöne Stunden und Tage verbracht habe, bei dem ich gefühlt jeden Stein und jeden Baum und jedes Zimmer kenne – auch das ist ein Stück zu Hause.

Ich habe aber auch gemerkt, dass nicht jeder Ort, an dem ich wohne oder häufig bin gleich zu einem zu Hause wird. Ich habe nachdem ich mit der Schule fertig war ein Jahr im Ausland gewohnt und sehne mich immer noch ab und zu dorthin zurück und fühle mich bei meiner Gastfamilie sehr zu Hause, aber ich habe die Stadt, in die ich danach gezogen bin und in der ich sehr gerne gelebt habe, verlassen, ohne das Gefühl zu haben, nach Hause zu kommen, wenn ich dort Freunde besuche.

Am allerwichtigsten sind mir aber meine zu Hauses bei anderen Menschen. Es gibt Menschen, die ich überall auf der Welt treffen kann und ein Lächeln, ein Wort, ein Witz, eine Geste, die Art wie sie gehen, reden, wie wir in unsere Muster verfallen lässt mich mich so zu Hause fühlen, dass es  mir manchmal beinahe ein bisschen unheimlich ist. Aber andererseits glaube ich, dass ich die meiste Zeit auch in mir zu Hause bin und besser kann es nicht werden, oder?

Lu

 

Dear July // 15

Weggehen
Creative Commons Lizenzvertrag Foto von Atilla1000 Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

Dear July,

jetzt bist du schon fast zu Ende. Wie alle anderen Erwachsenen möchste ich sagen: „Wie schnell zu vergangen bist!“ und gleichzeitig: „Wie viel Spaß es gemacht hat, dir zu schreiben“. Ich fühle mich ein bisschen auf der Meta-Ebene von meinem eigenen Leben, wenn ich dir schreibe, ich denke mehr über bestimmte Dinge nach, hole andere an die Oberfläche, die ich sonst vielleicht übergangen hätte und gucke mir kleine Sachen genauer an. Und obwohl ich es nicht geschafft habe, sehr viel früher aufzustehen, bin ich doch ein kleines bisschen mehr ein „Blogger-Mädchen“ geworden. Und falls es dir nichts ausmacht, werde ich dir einfach weiterhin schreiben, denn es fällt mir glaube ich leichter, wenn ich meine Gedanken an jemanden oder etwas richte (auch wenn ich glaube ich an den Überschiften dieser Einträge arbeiten sollte, sodass leichter ersichtlich ist, worum es geht).

Ich sehe dich schon langsam in Richtung Tür gehen und deinem älteren (? oder vielleicht jüngeren? – August hat eine höhere Zahl, kommt aber nach dir) Bruder August Platz machen. Komisch, auf den ersten Blick ist August für mich männlich, wenn ich länger darüber nachdenke eher weiblich und insgesamt seid ihr alle sehr angenehm neutral. Auf jeden Fall wollte ich dir noch kurz von mir und Abschieden erzählen. Abschiede fallen mir immer ein bisschen schwer oder anders, ich nehme Abschiede häufig schwer. Und früher habe ich gesagt, dass ich eben nicht für Abschiede gemacht bin, aber ich glaube das stimmt gar nicht. Ich nehme Abschiede schwer und breche, bei „großen“ Abschieden häufig in Tränen aus (und habe immer ein bisschen Sorge, dass sich deshalb andere um mich Sorgen machen), aber wenn der Abschied dann vorbei ist, kann ich in den allermeisten Fällen damit dann auch abschließen. Ich lasse einmal bei der Gelegenheit meinen Gefühlen freien Lauf und lasse sie groß werden und mich übermannen (interessantes Wort) und Besitz von mir ergreifen, mich umspühlen, mitreißen und überwältigen, aber wenn ich am Ende der Talfahrt der Gefühle dann sozusagen am Ufer angespühlt werde bin ich zwar ein bisschen erschöpft, aber auch frei von ihnen. Und dann kann ich mich dem nächsten Abenteuer zuwenden. Und es geht mir damit dann viel besser, als wenn ich sie unterdrücke und sie in einem dünnen Rinnsal sehr lange aus mir herauströpfeln müssen. Und ich glaube, das ist, zumindest für mich, die einzig wahre Art von Abschied.

Im August stehen ein paar Abschiede an und ich bin mir noch nicht so sicher, wie sehr sie mein Leben verändern werden, aber andererseits beginnt ein neuer spannender Abschnitt, auf den ich mich freue. Und trotzdem ich dir wahrscheinlich weiterhin schreiben werde sage ich für dieses Jahr: Auf Wiedersehen, Juli, es war eine schöne Zeit mit dir. Bis nächstes Jahr!

Lu

Dear July // 14

Fischreiher

Creative Commons Lizenzvertrag  Foto von Gidzy. Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Dear July,

heute habe ich mich an die Zeit zurückerinnert, als ich noch mit dem Rad zur Schule gefahren bin. Es gab zwei Möglichkeiten, einen Weg, der ein bisschen kürzer war und einen, der ein bisschen schöner war. Ich habe es so genossen, jeden Morgen zwischen 12 und 13 km mit dem Rad zu fahren, ganz allein mit meinen Gedanken und der Natur und mich vor dem Start in den Tag sortieren zu können. Manchmal habe ich Spiele mit mir selber gespielt, An-wie-vielen-Bäumen-kannst-du-entlang-fahren-bis-dich-das-nächste-Auto-überholt war ebenso ein Favourite wie Wie-lange-dauert-es-bis-zu-aus-den-Nummernschildern-deinen-Namen-bilden-kannst (I kommt relativ selten vor) oder Wie-viele-Sachen-kannst-du-beim-Rad-fahren-nebenbei-machen. Nie habe ich einfacher Vokabeln gelernt als auf dem Rad (mit Vokabelkarten, die von einer Jackentasche in die andere wandern) und auf den geraden, sehr unbenutzten Wegen, habe ich meine Fähigkeiten im Rad-fahren-und-Lesen genauso vervollkommned wie Rad-fahren-und-Stricken (womit ich seither gerne ein bisschen angebe und schon lange nicht mehr mache, denn in der Stadt geht sowas wirklich nicht).

Wie alle anderen auch, hatte ich damals Tage an denen es mir gut ging, aber auch Tage, an denen es mir nicht ganz so gut ging und für diese habe ich mir einen kleinen Trick überlegt – ich bin den längeren Weg gefahren. Der längere Weg führte nämlich an einem Kanal entlang. Und an den allermeisten Tagen stand morgens ein Fischreiher an diesem Kanal und hat – nun ja, den Morgen begrüßt, seine Füße gebadet und gefischt. Und ich habe für mich beschlossen, dass Tage, an denen ich dem Fischreiher begegne, gute Tage sind. Das war nur ein bisschen geschummelt, denn an den allermeisten Tagen war er da, häufig sind mir sogar zwei oder drei Reiher begegnet. Nur ganz ganz selten war morgens kein Reiher da, den ich begrüßen konnte. Reiher heißt auf Englisch heron, was ich mir immer über das Wort hero, also Held gemerkt habe. Mein Reiher war mein Held und mit dem festen Glauben, dass Fischreihertage gute Tager werden, wurden die, an denen ich mit dem falschen Fuß aus dem Bett gestiegen war, tatsächlich etwas leichter.

Inzwischen bin ich umgezogen und muss auch schon eine ganze Weile nicht mehr zur Schule radeln. Ich freue mich immer noch, wenn ich irgendwo einen Reiher treffe, aber ich glaube, ich muss mir einen neuen Tageshelden suchen. Das Leben wird dadurch einfach so viel schöner. Du bist nicht mehr lange da, Juli, aber vielleicht kannst du mir ja bei der Suche helfen.

Lu